Die Ausstellung „gehen, blühen, fließen“, Naturverhältnisse in der Kunst
… zum Verköhlerungsprozess, den die Objekte in Ulrike Mohrs Arbeiten durchlaufen. Gegenstände aus Holz werden durch die Karbonisierung zu schwarzen Doppeln ihrer selbst. Zweige, ja ganze Bäume, werden diesem Prozess unterzogen. Sie verlieren an Größe und Gewicht. Sie verlieren ihre Materialität und Farbe. Das Akzidentielle ist buchstäblich weggebrannt. Die Karbonisierung macht sie formstabil und zugleich fragil. Den Betrachter lassen sie zwischen Gegenstandswahrnehmung und der Wahrnehmung als abstrakte Zeichen schwanken. Die Referenz zwischen Gegenstand und Form könnte kaum enger sein. Während wir die Abstraktion der medialen Reproduktion leicht übersehen, macht sie sich hier in der materialen Verdopplung fühlbar, die mit dem Zeichen-Werden der karbonisierten Gegenstände spielt. Mohrs Recherchen zu diesem Prozess begannen vor längerer Zeit mit der Frage nach der materialen Beschaffenheit von Zeichenkohle. Sie interessierte sich dabei für sie nicht als künstlerisches Werkzeug der Zeichnung, sondern für ihre Materialität. Ihre Recherchen führten sie durch die unterschiedlichsten Forschungsfelder und zum Erwerb von Handwerkstechniken der kaum noch praktizierten Tradition der Köhlerei. So verdichtete sich in Experimenten ihr künstlerisches Handeln. Die Formen im Ausstellungsraum sind dank dieses Prozesses frei von der Willkür, mit der sich die nachmimetische Kunst fortlaufend auseinandersetzen muss. Sie haben einen sehr konkreten Bezugsrahmen, von dem die Objekte her gelesen werden wollen. Die Inszenierung im Raum aber ist der Moment, in dem sie in eine konkrete ästhetische Ordnung eintreten. Sie nehmen aufeinander und zum Raum Bezug. Erst hier wird die Gestaltung jeweils abgeschlossen und für den Prozess der Wahrnehmung des Betrachters geöffnet. Obwohl Ulrike Mohr mit Naturmaterialien und Naturprozessen arbeitet, sind alle Probleme und Möglichkeiten einer medial geprägten, nachmimetischen Kunst Teil des ästhetischen Prozesses: Zu beobachten ist die durch die Verdopplung in Gang gesetzte Abstraktion und die Generierung von ungebundenen Zeichen. Die vorangegangenen Recherchen und das Zusammenspiel der Elemente im Raum führen jeweils zur schlüssigen Gestalt einer Arbeit. Den zeitgenössischen Künstlern geht es nicht darum, eine verlorene Unmittelbarkeit zur Natur zu beschwören oder gar zu ersetzen. Das Aktionsfeld einer nachmimetischen Kunst ist die mediale Abbildung und das Fortwuchern der Differenzen, die sich nicht auf den Begriff bringen lassen. Die ästhetische Praxis einer nachmimetischen Kunst besteht darin, sie jeweils zu begrenzen und im Raum konkret werden zu lassen. Es liegt an den Betrachtern, die Impulse aufzunehmen und die gesetzten Zeichen in Bewegung zu setzen.
Ines Lindner, 2014
aus „Versuch über Praktiken einer nachmimetischen Kunst„, gehen blühen fließen, Naturverhältnisse ind er Kunst, S. 339-340; Herausgegeben von Ines Lindner, Verlag für Moderne Kunst, ISBN 9798-3-86984-456-5